2018.03.09 - Sauberes Mittelalter – Dreckige Aufklärung?

2018.03.09 - Sauberes Mittelalter – Dreckige Aufklärung?

Sauberes Mittelalter – Dreckige Aufklärung?

/Badekultur im Mittelalter in Ungarn und Europa/

Wir neigen dazu, über ein dunkles Mittelalter zu sprechen, obwohl das Mittelalter ein buntes Zeitalter war, voll mit Widersprüchen und Geheimnissen, wenn die ständige Veränderung des menschlichen Denkens jeden Bereich der Zivilisation beeinflusste, einschließlich unser Verhältnis zum Baden, zur Körperkultur und zur Gesundheit.

 Wer hätte gedacht, dass der Mensch des Mittelalters häufiger gebadet hat, als ein Herrscher im Zeitalter der Aufklärung?

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Skythische Sauna?

Zur Beginn des Mittelalters, ein wesentlicher Teil der Pannonischen Tiefebene stand unter römischer Herrschaft. Dementsprechend herrschte in den Großstädten und Militärlagern die Badekultur des Reiches. Die Häuser – vor allem die Villen der Reichen – waren aus Stein gebaut, mit Baderäumen, mit Bodenheizung und Wasserleitungen. Das Badevergnügen war in dem östlichen Landesteil der Steppenstämme auch nicht unbekannt. Der nomadische Lebensstil hinderte unsere Vorfahren nicht daran, sich häufig zu reinigen. Ihre Filzzelten, die mit glühenden Steinen erhitzt wurden, dienten als Dampfbad. Sie peitschten sich mit Birkenzweigen, und der Vorläufer der Dusche war auch bekannt bei den Nomaden: das Wasser fließ aus einem gehängten, mit einem Hahn versehenen Lederschlauch, den sie Rinne nannten. Die Reichen hatten tragbare Badewannen aus Leder, in den sie lange Bäder nehmen konnten. Die Badekultur der Nomaden schlug Wurzeln auch in das zivilisierte Byzantinische Reich. Kaiser Constantinus erwähnt in seinem Buch der Zeremonien, dass die Leiter der Militärlager die skythische Bäder, also die Wolldecke und die Lederbadewanne, auf den Kriegszügen mit sich nehmen müssen. Der arabische Reiseberichtsautor, Ibn Fadlan, schrieb über die Badegewohnheiten der nomadischen Bulgaren in Baschkirien, wonach Frauen und Männer gemeinsam nackt badeten.

Mit dem niedergelassenen Lebensstil änderte sich auch die Badekultur, aber der Anspruch auf Reinheit ist geblieben in der Seele des ungarischen Volkes. Wasser bleibt für immer ein Synonym für Reinheit und Gesundheit.

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Albrecht Dürer: Das Männerbad

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Die Hochachtung der Thermalquellen

Gicht war einer der häufigsten Krankheiten des Mittelalters, und die Qualen wurden erfolgreich mit Thermalwasser gemildert. In der Umgebung der heißen Thermalquellen fand lebhaftes Badeleben statt. Bereits in der 13. Jahrhundert wurden in Buda am Anfang auf dem nördlichen Donauufer und später auf dem südlichen Donauufer Bäder gebaut, welche als Orte für Reinigung und Kuren dienten. Der Baderberuf ist seit dem Mittelalter bekannt und die Bader schlossen sich in Gilden zusammen. Die Bader-Lehrlinge mussten eine Prüfung ablegen, sie bekamen dann Gesellen, die für fünf Jahre auf Wanderschaft gingen, um Erfahrung über das Gewerbe zu sammeln, bis sie auch zum Meistern wurden. Später brachten die eindringenden Türken zweifellos viel zur lokalen Badekultur bei, dennoch fanden sie in Ungarn bereits reiche bestehende Gewohnheiten und eine ausgezeichnete Infrastruktur.

Die Beziehung der Kirche zum Baden war nicht eindeutig. Hieronymus, der Übersetzer des Alten Testaments, verurteilte das häufige Baden, aber für andere Geistlichen, wie zum Beispiel bei Sankt Benedikt, war das regelmäßige Baden in den Klöstern obligatorisch und Teil der Regel und die Zivilbevölkerung durfte die Baderäume der Klöster auch benutzen. Die Wende kam im 14. Jahrhundert, als die drastische Zunahme der Einwohnerzahl und der Mangel an sauberem Trinkwasser schwere Epidemien verursachten. Zwischen 1346 und 1356 ist ungefähr die Hälfte der europäischen Bevölkerung in der großen Pestepidemie gestorben und die öffentlichen Bäder spielten eine wichtige Rolle in der Ausbreitung der Epidemie.

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Die Dämmerung der öffentlichen Bäder

Die Bäder wurden von einem Tag auf den anderen geschlossen und die Beziehung der Europäer zum Baden hat sich radikal verändert. Die Situation auf dem Land und unter den Bauern blieb unverändert, wobei die Stadtbevölkerung und die Aristokraten immer seltener badeten. Die Bäder auf dem Lande waren von fröhlichem Treiben geprägt, während das Badezimmer in den Schlössern ein unbekannter Begriff wurde. Während der Reformation waren sich die katholischen und protestantischen Prediger darin einig, dass das Baden nicht gesund sei. Neben der Pest, beschuldigten sie die Bäder mit der Verbreitung der Syphilis, obwohl die enge Verbindung der mittelalterlichen Badekultur mit Prostitution möglicherweise nur unbegründetes Gerücht war. Der Tiefpunkt war das 17. und 18. Jahrhundert. Die Europäer badeten sehr selten, und in den Städten herrschten die schlimmsten hygienischen Bedingungen. Allein dort, wo eine reichliche und zuverlässige Trinkwasserversorgung gelöst wurde sank das Stadtleben nicht in die Barbarei. In Ungarn waren die Städte Oberungarns Vorreiter in dem Ausbau der Trinkwasserversorgung. Am Anfang führten sie das saubere Trinkwasser in mit Teer beschichteten Baumstämmen aus den Bergquellen in die Städte, wenn sie nicht verschmutztes Wasser aus gegrabenen Brunnen trinken wollten. Später benutzten sie Bleirohre für diesen Zweck. Mit der weiträumigen Verbreitung der Trinkwassernetze und dank der Entdeckungen der modernen Medizin konnte sich die aufgeklärte Badekultur des Mittelalters wieder hergestellt werden.

Quelle:

http://www.tankonyvtar.hu/hu/ tartalom/tamop412A/2010-0019_ furdokultura/ch04.html